Seelenreise

Meine Aufzeichnungen: Erinnerungen, Gedanken, Erlebnisse (in Bearbeitung)

 

Sommer 2010 – Irgendwo im Norden an der Küste

 

 

Enyas Aufzeichnungen

Freitag

Mittagshitze – ungewöhnlich für diese Jahreszeit an diesem Ort.

Der Platz vor dem Bahnhof ist in gluthelles Sonnenlicht getaucht. Die Luft flimmert, scharf und schwarz heben sich  die Schatten von dem hellgrauen Asphalt ab. Die tiefblaue Farbe des Himmels wird heller gegen den Horizont und verliert sich am Ende im Dunst.

Strahlendweiß scheint der Putz einiger Häuser, die wie verspritzte Deckweißflecken aus den ansonsten dunkelroten Backsteinbauten herausleuchten. Eine kleine Grünanlage belebt die Mitte des Platzes Ein Springbrunnen und farbenprächtige Blumenrabatten sowie eine Reihe Kastanienbäume, die die Straße vor dem Bahnhofsgebäude säumt, lassen alles aussehen wie die Landschaft einer Modelleisenbahn. Wenige Autos stehen auf dem kleinen Parkplatz, alles ist still und friedlich.

Jetzt um die Mittagszeit haben die kleinen Läden rund um den Bahnhof geschlossen. Ein paar Tische und Stühle vor dem kleinen Café sind verlassen und leer.

Der alte Mann auf der Bank, inmitten der Grünanlage, ist die einzige Menschenseele, die ich ausmachen kann. Anscheinend schläft er, der Kopf hängt vornüber, die Hände, ruhend im Schoß, halten einen verschlissenen Hut.

Ich überlege, wann ich zum letzten Mal eine derart friedliche Atmosphäre gespürt habe.

Es ist sehr lange her, seit ich hier war, hier in meiner Geburtsstadt am Meer.

Das Meer kann ich riechen, denn der Hafen ist keine 300 Meter entfernt.

Das anfängliche Gefühl hier fremd zu sein, verschwindet mit jedem Atemzug. Ich bin fast ein wenig erstaunt: Es ist unglaublich wie wenig sich dieser Ort verändert hat, trotz der neuen Häuser, der neuen Geschäfte, der neu angelegten Grünanlage.

Ich fühle es wie damals: Warme Farben, scheinbar ineinander verfließend, sich auflösend durch das Sonnenlicht. Am liebsten würde ich noch bleiben, im warmen Sonnenschein, in der Stille, allein mit meinen Gedanken und Gefühlen. Doch ich muss aufbrechen. Mir bleibt nur wenig Zeit alles zu erledigen, was nötig ist. Ich darf nicht vergessen, dass ich auf der Flucht bin. Vor ihm, vor ihr, vor mir?

Ich weiß es nicht. Noch nicht.

 

 

Später...

Der Corsa holpert langsam über die staubige Landstraße. Wie ein Bilderbuch zieht die Landschaft vorbei. Fast schnurgerade führt der Weg durch Wiesen und Felder. Saftiges Grün dichter Grasbüschel leuchtet mir entgegen, ebenso wie der warme Goldton des Korns, wellengleich hin und herschwingend im Wind.

Und dazwischen strahlendes Gelb: Immer noch gibt es einzelne blühende Rapsfelder!

Wo sonst findet man diese Weite, diese Farben?

Ein Gefühl von Freiheit ergreift von mir Besitz. Die Anspannung der langen Fahrt scheint sich aufzulösen, Müdigkeit fällt genauso ab, wie die quälenden Gedanken der letzten Wochen.

Am linken Straßenrand stehen große Kastanienbäume. Das Sonnenlicht bricht durch die mächtigen Baumkronen und wirft flimmernde Lichtstreifen auf die dunkle Fahrbahn. Dieser ständige Wechsel zwischen Hell und Dunkel tut den Augen beinahe weh. Auf der rechten Seite beginnt hinter einem Graben die endlose Weite der Felder. Im Hintergrund, vom Dunst eingehüllt, erahne ich das Meer.

Ein Hauch von Abenteuer...

 

 

Enya - Mai 1965 - Frankfurt

Das Mädchen stand am Fenster, den Blick sehnsüchtig nach draußen gerichtet. Es war sonnig, aber noch recht kühl für Mai.

Im Garten, der an den Hof grenzte, spielten Kinder. Enya entdeckte Hannah und Klaus, die mit einem Ball kickten. Suse gab irgendwelche Kommandos, die Enya nicht verstehen konnte, da ihr Fenster geschlossen war. Zögernd legte sie ihre Hand auf den Fenstergriff. Es war leicht, das Fenster zu öffnen, sich auf die Fensterbank zu schwingen und die Beine draußen baumeln zu lassen. Zum wiederholten Male fragte sie sich, warum sie hier drinnen sein musste. Schmerzlich empfand sie die scheinbare Ungerechtigkeit ihrer Situation. Ihr Blick wanderte zu dem Schrank, in dem sie Spiel- und Schulsachen aufbewahrte. Die Tür stand offen und alle Sachen lagen verstreut davor, ein wüster Haufen Durcheinander.

Die Stimme ihrer Mutter drang vehement in ihr Ohr. „Enya, du gehst heute nicht raus. Du räumst das auf, aber richtig.“ Gestern schon sollte sie das Chaos im Zimmer beseitigt haben. Aber es war so mühsam und Enya so lustlos. Wie immer war ihr Kopf voll mit anderen Gedanken gewesen. Also hatte sie alles, was herum lag gepackt und kurzerhand in den Schrank gestopft. Als die Mutter heute früh die Schranktür geöffnet hatte, fiel das Chaos ihr entgegen. Und da lag es immer noch und Enya war ins Zimmer verbannt. Und das in den Ferien. Bei Sonnenschein. Den ganzen Tag, denn die Mutter würde erst abends wieder kommen. „Nicht richtig ist das“, dachte Enya. „Ungerecht!“ Trotz machte sich breit. Es wäre ein Leichtes gewesen, einfach aus dem Fenster zu springen. Die Versuchung war fast übermächtig. Nun hatte Hannah sie entdeckt. „Enya, komm raus!“, rief sie, wild mit den Armen rudernd um ihre Forderung zu dokumentieren. Enya schüttelte den Kopf. „Ich habe den ganzen Tag Hausarrest und muss aufräumen.“ „Wann kommt denn deine Mutter?“, fragte Hannah. „Du kannst doch nachher wieder reinklettern. Wir helfen dir.“

Enya überlegte fieberhaft. Ihr Blickt schweifte von draußen zu dem Chaos im Zimmer. Langsam zog sie ihre Beine hinein und kletterte von der Fensterbank zurück in den Raum. Ohne ein weiteres Wort schloss sie das Fenster und ließ eine verdutzte Hannah stehen. Zielstrebig ging sie auf den schweren Holztisch zu, der in der Mitte des Zimmers stand. Mit einer ruckartigen Handbewegung fegte sie alles von der Tischplatte, was sich während der letzten Woche angesammelt hatte. Bücher, hefte, Zettel, Stifte flogen durch den Raum und verteilten sich auf dem Teppich. Mit einiger Anstrengung gelang es Enya den Tisch zweimal umzudrehen, dass die Platte auf dem Boden lag. Sie hockte sich mit angezogenen Beinen davor und schob ihre Finger unter die Tischplatte. Mühsam hob sie diese einige Zentimeter an und schon ihren rechten Fuß darunter. Ein kurzes Innehalten – ihre Armmuskeln begannen zu zittern, dann entglitt der Tisch ihren feuchten Fingern und krachte auf ihren Fuß. Der Schmerz kam nicht sofort. Die Anstrengung verhinderte wohl, dass der Impuls zu ihr durchdrang. Ihr wurde schwarz vor Augen und für einen kurzen Moment spürte sie sich nicht mehr. Dann schlug der Schmerz so unvermittelt zu, dass es ihr den Atem nahm. Als sie wieder Luft bekam, richtete sie ihren Blick auf die Tischkante unter der ihr Fuß eingeklemmt war. Langsam, im Zeitlupentempo kroch ein Blutstropfen hervor, da, wo die Tischkante schwer auf den Spann ihres Fußes drückte. Fasziniert beobachtete Enya, wie er seitlich an ihrem Knöchel herunterlief – zu einem dünnen Faden wurde, um dann auf dem Teppich einen hässlichen dunklen Fleck zu hinterlassen, der sich ausbreitete, einsickerte. Kurz war der Schmerz vergessen. Enya spürte leises Bedauern. Ihre Mutter würde böse sein und keine Ruhe geben, bis Enya den Fleck entfernt hatte. Als sie ihren Blick von dem Blutfleck löste und die Augen auf das blau angelaufene Fleisch ihres Fußes richtete, stach er wieder zu. Ein Stöhnen entwich ihren Lippen, ein Zischen, gefolgt von krampfartigen Atemstößen. Enya konnte nicht mehr sagen, wo es schmerzte, nur, dass es pochend dumpf ihr Bein hinaufkroch.

„Es ist eine Sache des Sehens“, dachte sie flüchtig. „Wenn ich wegschaue, spüre ich den Schmerz nicht.“ Sie schloss die Augen, ließ ihren Oberkörper nach hinten sinken und wünschte sich ein Wegtauchen in den Schlaf, das Vergessen. Die neue Lage jedoch verstärkte den Schmerz, so dass sie sich wieder aufrichten musste. Das gedämpfte Kinderlachen von draußen pflanzte sich in ihre Brust und verursachte einen ungleich stärkeren Schmerz als den in ihrem Fuß. „Es ist nicht richtig“, murmelte sie. „Die Strafe ist zu hart.“

Mühsam richtete sie sich wieder auf und schob ihre Finger unter die Tischkante. Sie versuchte die schwere Platte anzuheben und war im selben Moment schweißgebadet. Mit ihrem sinnlosen Bemühen kam ein Anflug von Wut. „Warum tue ich das?“ Hatte sie es gedacht oder laut gerufen? In ihrem Kopf dröhnte es und die Konturen im Zimmer verschwammen, das Kinderlachen entfernte sich.

 

Enya

 

Als Enya geboren wurde, war ihr Vater nicht da, eine simple Tatsache, die sich in den nächsten Monaten fortsetzen und zur Gewohnheit werden sollte. Nun muss man gerechterweise sagen, dass er seine Frau Lene nicht freiwillig mit dem Baby allein gelassen hatte. Er war kilometerweit entfernt in der großen Stadt, um für die kleine Familie eine Wohnung zu suchen. Endlich hatte er in dieser Stadt Arbeit gefunden, eine Arbeit zwar, die ihm als Künstler widersprach, die aber doch dazu angetan war, sie mit dem Nötigsten über Wasser zu halten. Lene war, weil hochschwanger, bei ihren Eltern geblieben.

Nun war das Baby da, einen Monat zu früh, sehr klein und untergewichtig, aber voller Lebenswillen. Gleich nach der Geburt schaute das kleine Würmchen seine Mutter mit Rieseaugen an, als wolle es sich deren Aussehen bis in jede Einzelheit einprägen. Es gab keinen Namen, denn es hatte sich als unmöglich für Lene erwiesen, mit ihrem Mann darüber zu sprechen. Er war nicht begeistert über den Nachwuchs gewesen, hatte sich zwar in sein Schicksal gefügt, es aber vehement abgelehnt, mit Lene die Vorfreude und alles, was dazu gehört, zu teilen.

Als das kleine Menschenwesen nun in Lenes Arm lag und sie unverwandt anschaute, wusste Lene auf einmal, wie sie ihr Mädchen nennen würde. Enya, der Name keltischen Ursprungs, der so viele Bedeutungen hatte. Kleiner Samenkern, kleines Feuer, Quelle oder Wasser des Lebens. Du wirst das kleine Samenkorn sein, das aufgeht, du wirst sanft leuchten, wie ein kleines Feuer und Wärme spenden, du wirst mir eine Quelle sein, das Wichtigste, das ich zum Leben brauche, dachte Lene. „Kleine Enya“, flüsterte sie. „Dein Leben soll ein gutes, starkes sein, dafür will ich sorgen.“ Und Enya schloss die Augen und schlummerte vertrauensvoll in den Armen ihrer Mutter ein.

 

„Ein alberner Name“, kommentierte Joachim, als er erfuhr, wie seine Tochter heißen würde. Diese Einstellung behielt er bei. Wenn er sie überhaupt einmal beim Namen nannte, sagte er Enni und kurze Zeit darauf wandelte er es in Emmi um. Lene nannte sie jedoch immer beharrlich Enya und da Lene und nicht Joachim ihre wichtigste Bezugsperson war, prägte sich ihr dieser Name auch ein. Später, als sie sprechen gelernt hatte und Joachim schon längst nicht mehr da war, sagte ihr Emmi nichts mehr. Als sie die ersten Worte sprechen lernte, nannte sie sich selbst Annia und bis ihren Namen richtig aussprechen konnte, vergingen beinahe drei Jahre. Als ihr Lene viel später die Bedeutungen ihres Namens erklärte, war sie stolz. ‚Kleines Feuer’ gefiel ihr am besten und dies passte auch zu ihr. Sie brannte förmlich darauf, die Welt zu erkunden und Neues zu lernen und zu entdecken. Bei allem, was sie tat, war sie mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Körper dabei.

Ein Rückblick auf Enyas frühe Kindheit zeugt von Freude, Behütetsein, inniger Zweisamkeit mit Lene und Alleinsein und quälender Einsamkeit. Joachim hatte bald nach dem Einzug in die neue Wohnung angefangen zu spielen. Es wird sich nie klären lassen, woran das gelegen hatte. Frustration, da er als bildnerischer Künstler nicht die Anerkennung fand und das Geld verdiente, das er sich erträumte? Schwere Kindheitstraumata einer streng bigotten Erziehung durch den Vater und der Hilflosigkeit einer an MS erkrankten Mutter? Letztlich war es sein –selbstdargestellter – Freiheitsdrang, der es ihm nicht erlaubte, sich um die kleine Familie zu kümmern. Alles mühsam verdiente Geld verschwand in diversen Spielbanken. Lene und Enya waren abhängig vom Großmut und der Unterstützung durch Lenes Eltern, die selbst kaum etwas hatten. Als dann die spärlichen Möbel gepfändet wurden und Joachim mal wieder untergetaucht war, zog Lene die Notbremse. Sie saß mit der kleinen Enya in einer fast leeren Wohnung und ernährte sich nur von Kartoffeln, damit das Kind alles bekam, was es brauchte. Sie reichte die Scheidung ein.

Joachim tauchte eines nachts völlig heruntergekommen und verzweifelt wieder auf und bat weinend und flehend, Lene solle ihm noch eine Chance geben. Es folgten lange Gespräche, tränenreiche Nächte und ein langes Abwägen der Situation, bis Lene schließlich aus Vernunftgründen bei ihren Trennungsabsichten blieb. Sie liebte diesen Mann noch immer, wusste aber, dass es aussichtslos war. Um Enya zu retten und vor noch schlimmeren Situationen zu schützen, blieb sie schließlich hart. Und so kam es, dass Enya ihren Vater nie bewusst kennen gelernt hatte, denn als er endgültig auszog und wieder in der Versenkung verschwand, war sie gerade mal zwei Jahre alt.

Für Lene begann nun ein mühsamer, aufreibender Kampf, sich und ihr Kind über die Runden zu bringen. Für Enya bedeutete dies, dass die kleine Zweijährige ein Jahr zurück zu den Großeltern geschickt wurde, damit Lene sich eine Existenz aufbauen konnte. Enya wurde umsorgt, geliebt, hatte alles, was ein Kind in dem Alter brauchte, nur eben nicht die Mutter. Zu der Zeit fingen die Krankheiten an. Enya bekam zunächst eine schwere Neurodermitis, die man nur mit hoher Kortisongabe einigermaßen erträglich halten konnte. Es folgten Lungenentzündungen, eine Nierenbeckenentzündung und viele kleinere Krankheitsschübe. Alles dies konnte nicht bewirken, dass Enyas Lebensfreude gebrochen war. Längst hatte sie den Kampf um ihr Leben aufgenommen.

 

Enyas Aufzeichnungen

Samstag

 

Ich habe es heute gewagt und bin zu meinem Traumhaus gefahren. Meine Reise führt mich durch die Köge, endloses Grün, nur durchbrochen von Wassergräben und Deichen. Jedes Mal, wenn du einen solchen hinaufkletterst, denkst du: Jetzt! Jetzt kann ich es sehen, das Meer. Doch deine Geduld wird hart geprüft. Drei Deiche habe ich schon hinter mir gelassen und immer noch kein Wasser! Nur der herbe, salzige Geruch, der zu mir herüber weht, gibt mir Gewissheit – bald! Ich habe es noch jedes Mal gefunden, das Meer.

Und auch diesmal ist es so. Ich erklimme den vierten Deich, mein Kopf taucht über die Kante und schon werden meine Augen geblendet von den tausend funkelnden Wasserteilchen, die das Sonnenlicht reflektieren. Die Wasseroberfläche ist ruhig, da kaum Wind weht, und so sieht alles aus wie ein glitzernder Teppich. Im Wattstreifen vorne tippeln einige Möwen umher auf Futtersuche. Das Wasser geht gerade zurück und wird bald den nahrhaften Meeresboden freigeben und ich weiß, dass sich hier in kurzer Zeit viele Vögel gütlich tun werden. Normalerweise koste ich diesen Frieden aus, aber heute drängt es mich fort zu meinem Traumhaus.

Ich muss nicht mehr lange fahren. Der gerade Weg macht plötzlich einen Schlenker nach links – und da liegt es vor mir. Das Bild macht mich fast atemlos, nimmt Kontrast an, fixiert sich und holt all die Erinnerungen hoch, die so lange in mir verschüttet waren. Es dauert, bis ich den Mut finde auszusteigen und mit langsamen Schritten auf das Haus zuzugehen. Es steht inmitten eines u-förmigen Hofes, der von halb hohen Hecken umgeben wird. Vorn rundet ein Holzgatter dieses prachtvolle Bild ab. Zum Haus führt ein kopfsteingepflasterter Weg, der links und rechts mit Rasen gesäumt wird. Löwenzahn und Gänseblümchen überall. Im Hintergrund, an der rechten Seite des Hauses, stehen immer noch die Obstbäume und Johannisbeersträucher. Links geht der Rasen in Sandboden über. Ein flaches, weißes Steingebäude, das aus einem Sockel roter Ziegelsteine emporwächst, begrenzt den linken Flügel des Hofes. Das Wohnhaus ist groß, ebenfalls weiß, jedoch mit dunklen Holzbalken, die sich bis unter das Dach ziehen. Dieses Dach – typisch für die Gegend hier – ist reetgedeckt und lässt die Vorderfront frei bis unter den Giebel. In halber Höhe zahlreiche Fenster, asymmetrisch angeordnet, davor, über die ganze Front ein Balkon mit Holzballustraden. Und überall riesige Blumenkästen mit Geranien und Begonien. Unter dem Giebel ist ein Wagenrad befestigt. Die beiden Flügel der Eingangstür stehen offen und wie immer muss ich schmunzeln: Das Kopfsteinpflaster des Weges zieht sich bis in das Haus hinein. Es sieht aus wie eine Einladung. Ich zögere kurz, doch dann, wie magisch angezogen, öffne ich die schwere Holzpforte.

(in Bearbeitung)

 

Später...

Es ist Frühsommer. Ich liege im Korn. Im Moment fühle ich Zufriedenheit, weil ich Zeit habe, allein bin und meinen Gedanken ihren Lauf lassen kann. Das Korn schwankt über mir hin und her, ich höre das Zwitschern der Vögel. Über mir nur der ununterbrochene blaue Himmel. Der Wind riecht nach Kühen.

Ich stehe auf und wandere durchs Korn zum Flussstreifen am Hang. Mit den Fingern bewege ich das Wasser und denke an Meereswellen. Es könnte der beste Sommer seit Menschengedenken sein, voller blauer Winde und flirrendem Sonnenlicht, wenn ich jetzt einfach die Zeit anhalten könnte. Mir fehlen die Worte es zu beschreiben...träge wehendes Korn, Himmel, Sonne, Sommerland...

Ein Wachtraum überflutet mich:

Ich stehe auf dem Deich und starre hinab in den verschwindenden Fluss, auf das Korn, das in den Boden gezogen wird, auf die Bäume im Hintergrund, die zu einem einzigen Stängel zusammen schrumpfen und auf die Ecken des gelben Feldes, das ich mit einer Hand bedecken kann. Plötzlich springt ein Wind vom Ende des Flusses auf und bläht das Feld zu seiner vollen Größe. Amseln fliegen aus dem Baumwipfel auf, in einer Wolke wie ein Kegel. Kein Ende nimmt er, der schwarze Vogelzug zur Sonne.

Der Nachmittag liegt im Sterben, träge, namenlos treibt er gen Westen über Deiche und Bäume, Fluss und Korn zum Abend hin, der im Meer Gestalt annimmt. Die Stunden wehen davon, wie ein Wind voller Träume, hinunter zur grauen Küste, wo Möwen mit Halmen im Schnabel vorübersegeln und wo ihre gellenden Schreie mit dem Tag absterben.

Und wieder blutet das Meer, als der gleißende Feuerball hinabsinkt. Farbwechsel – zeitraffergleich – grün wie Gras mit hellblauen Flecken, ein riesiger Teppich, auf dem sich ein leuchtender Streifen vom Horizont zum Land hinzieht...gelb – orange – rot – und an den Rändern tropft Blut. Ich weiß nicht, wie lang ich hier sitze. Ich kann meinen Blick nicht abwenden von diesem Schauspiel. Ständiger Wechsel. Die Feuersbrunst wandelt sich in sanftes Weinrot, und ich denke an Burgunder.

Feuerschwarz jetzt die zerfließenden Ränder, ebenso dunkel wie der Kutter, der seinen Mast fordernd und frech in den Himmel streckt. Der Ball am Horizont ist hinabgetaucht in die Ewigkeit. Schafe blöken und es klingt nach Frieden. Mit dem Wechsel von Tag und Nacht vollzieht sich der immer wiederkehrende Wechsel der Tide. Gleich der Sonne zieht sich das Wasser zurück, leicht gurgelnd, kurz brausend, dann wieder seufzend. Schwarzer Schlamm hebt sich empor und saugt die Farben auf. Die Luft ist klar. Inseln tauchen auf, scheinen näher zu kommen. Die Idee, Gott habe sie zum Spaß ins Meer gespuckt, macht mich lachen. Kurz packt mich wilde Freude, ich stoße einen Schrei aus und fühle mich den Möwen gleich. Nicht gewachsene Flügel hindern mich am Emporschwingen und also laufe ich am Strand entlang.

(in Bearbeitung)

 

Nachts...

Ich möchte dich hier haben, deinen Atem auf meiner Haut spüren, deine Stimme hören, dir erzählen von diesem Tag unvergleichlicher Schönheit. Herber Wein rinnt durch meine Kehle und vermischt sich mit dem Geschmack der salzigen Tränen, die ich tapfer hinunterschlucke. Ich höre deine schwärmenden Worte, genau wie damals, als du ähnliche Tage mit mir hier geteilt hast. Ich spüre deinen Blick auf mir und sehe deine leuchtenden Augen, als du anfingst, das Meer zu lieben.

Ich bin lange gelaufen heute Abend. Am Hafen habe ich mir eine Tüte Krabben gekauft und ehrlich mit den Vögeln geteilt. Müde, ausgelaugt, doch unbeschreiblich glücklich, ein wenig von dem wiedergefunden zu haben, was ich Monate, Jahre gesucht habe. Ich habe mich unter die Touristen gemischt, ihre Gesichter in mir abgelichtet, habe versucht, in ihnen zu lesen und mich gefragt, warum sie aussehen wie gewöhnlich. Als der Dampfer anlegte, überschüttete ein Menschenstrom die Mole. Plappernde, geschwätzige, gestikulierende Wogen ergossen sich auf das Pflaster. Hier war nichts mehr von dem Frieden zu finden, den du nur 2 Kilometer nordwestlich findest. Aber ich hatte diesen Frieden in mir und kam mir vor wie eine Königin, die unter ihrem Volk wandelte.

Als ich in meiner kleinen Pension ankam, war ich sogar zum Essen zu müde. Doch nun sitze ich hier, trinke Wein, schlucke die Tränen und atme die Schatten der Nacht, meine Empfindungen sind glasklar, meine Sinne hellwach. Ich mag nicht allein in diesem großen Bett schlafen. Die Einsamkeit, die ich früher so vehement suchte, kommt mir nun vor wie ein Feind. Ich werde noch ein wenig aufbleiben, bis die Träume und die Trunkenheit mich hinwegtragen.


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